Interview

„Ich bin optimistisch, dass wir das internationale Netzwerk weiter ausbauen können“

Sangeeta Fager ist Fachreferentin für transnationale Vernetzung beim Diakonischen Werk Hamburg und Mitglied der Steuerungsgruppe des „Dialog-Forums“.

Sangeeta Fager, Diakonisches Werk Hamburg

Frau Fager, was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse der Konferenz in Bukarest?

Wie den Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland ist mir die Dimension von Menschenhandel und Ausbeutung in Rumänien als einem der Haupt- Herkunftsländer erst in ihrem ganzen Ausmaß bewusst geworden. Menschen nehmen aus ihren Notlagen heraus in Kauf, schlecht behandelt und für ihre Arbeit schlecht bezahlt zu werden. Deutschland ist eines der Haupt-Zielländer. Das heißt, sie arbeiten unter ausbeuterischen Bedingungen oft mitten unter uns, aber dennoch im Verborgenen.

Warum wird das kaum von der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen?

Die deutsche Kriminalstatistik zeigt uns nur die Spitze des Eisberges, denn was nicht vor Gericht landet, wird in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen. Es fehlt hierzulande an Infrastruktur, um Ausbeutung wirksam aufzudecken. Die Zollfahnder kontrollieren auf Schwarzarbeit. Sie prüfen nicht, welcher Lohn bezahlt wird – und ob die Arbeitenden überhaupt Lohn erhalten.

Warum unternehmen die Betroffenen nichts dagegen?

Die klagen ihre Interessen meist nicht ein. Dafür gibt es viele Gründe. Sie schämen sich. Wie konnten sie sich so ausbeuten und hereinlegen lassen? Sie haben Angst, eine Aussage vor Gericht könnte ihre Familien gefährden. Sie riskieren mit einer Anzeige, nie wieder irgendeinen Job zu finden. Oft holen sie sich nicht in Deutschland Hilfe, sondern erst nach der Rückkehr in ihr Heimatland, wenn sie merken, dass sie psychisch nicht mehr  damit umgehen können.“

Was bringt das Dialog-Forum den teilnehmenden Organisationen?

Wir haben bei diesem Thema wieder erlebt, wie wichtig der Austausch ist. Viele Probleme haben – wie der Menschenhandel – längst eine europäische oder sogar globale Dimension. Viele Fragen können wir deshalb nur noch gemeinsam klären. Wir mussten uns erst einmal kennenlernen, daraus entstand ein intensiver Austausch und längst auch so etwas wie ein Team-Gefühl. In unserem jetzt entstandenen internationalen Netzwerk können wir unsere Beratungs- und Hilfsangebote viel besser weiterentwickeln. Ich bin sicher, die Diakonien der Nordkirche und unsere Mitgliedseinrichtungen werden von diesem internationalen Netzwerk ungemein profitieren, ebenso die strategische Arbeit in allen beteiligten Organisationen.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir wollen unbedingt weitere NGOs mit ins Boot holen. Wir haben mit unseren Partnern vereinbart, dass jeder jeweils im eigenen Land als Multiplikator mit den eigenen Partnerorganisationen über das Projekt spricht. Wir wollen außerdem die gemeinsame Website zu einer Projekt-Börse ausbauen. Organisationen, die beispielsweise Partner für EU-Projekte suchen, finden dort mögliche Partner-NGOs, die zu einem ganz ähnlichen Thema arbeiten. In einem Fall hat das sogar schon geklappt! Außerdem treffen wir uns im Mai 2019 zu unserer dritten Konferenz in Breslau. Ich bin optimistisch, dass wir auch nach der Abschlusstagung im Oktober 2019 in Hamburg das aus dem Dialog-Forum entstandene Netzwerk weiter ausbauen können. Wir denken bereits gemeinsam darüber nach, wie das gehen kann.“

Mit Sangeeta Fager sprach Anke Pieper (Link)


Den Verlauf der Tagung und die bearbeiteten Themen können der zum Download beigefügten Dokumentation entnommen werden. (Link)